Ich, Du und der Tod.

Ich, du und der Tod: Endgültige Schlussstriche.

Meine Reihe „Ich, Du und der Tod.“ beschäftigt mich.
Ich bekomme Mails mit den berührenden und aufwühlenden Geschichten von Menschen, die andere verloren haben. Die jemanden gehen lassen mussten. Und ich fühle mich erinnert.

Auch ich habe gehen lassen müssen, ich musste verarbeiten und Wege finden. Und da ich denke, dass nur Mut auf Mut folgen kann, teile ich heute auch eine meiner Geschichten mit euch.

„Er hat das Glas nie ganz voll gemacht, wenn er die Getränke an den Tisch gebracht hat. Das hat mich geärgert.“

Das war einer der vielen vielen Sätze der Erinnerungen, die ich an diesem Abend meinen Freunden erzählte. Wir lagen alle 3 im Bett, irgendwie, einfach hingewürfelt. Und ich redete, erzählte, erinnerte.  Die Tränen waren für diesen Tag schon aus.
Aber die Angst zu vergessen war so groß, dass ich das Gefühl hatte, möglichst viel zu erzählen, zu teilen. Damit das große Gut des Erinnerns nicht verloren geht.
Ich war ja jetzt alleine fürs Erinnern zuständig. Denn wer sollte sich sonst an unsere Beziehung erinnern, wenn er doch jetzt tot war.


3 Tage zuvor beendete ich unsere Beziehung. Es war eine gute aufregende Beziehung, doch meine Kraft war aus. Mein Freund kämpfte seit langem mit psychischen Problemen, hatte Depressionen. Ich war der Motor für uns beide. Er war schwer, ich war leichtfüßig und abenteuerlustig. Er war der langsame, getragene Walzer, ich der Jive.
Nach einem Autounfall, der mich sowohl körperlich, als auch seelisch aus der Bahn warf, brauchte ich viel Kraft für mich und die Genesung. Von jetzt auf gleich aus dem Alltag gerissen werden, lange Bettruhe, dann gehen lernen – das brauchte Energie.
Und nach einem dreiviertel Jahr sah ich die roten Alarmglocken.
Ich musste gehen, auf mich achten und bei mir sein. Ich konnte nicht länger der Motor sein, mühsam versuchen, den Rhytmus des traurigen langsamen Walzers zu erhöhen und krampfhafte Freude zu versprühen.
Ich zog also einen Schlussstrich, um mich selbst zu retten.

Mein Freund zog darauf seinen Schlussstrich.
Für sein Leben. Und beging erfolgreich Suizid.

Inzwischen sind 8 Jahre vergangen. 8 verdammt gute, anstrengende, lustige, traurige, aufregende und aufwühlende Jahre. In diesen Jahren hat sich alles verändert. Immer wieder. Und Gott sei Dank – ihr wisst, dass ich das wörtlich meine, am Ende des Prozesses immer auch zum Guten.

Aber in diesem Sommer vor 8 Jahren machte meine Welt nach einer längeren Schleuderfahrt eben diese echte Vollbremsung, überschlug sich und blieb kopfüber hängen. Und ich? Ich lag verletzt mitten im Chaos und versuchte mich aufzurichten.

Als ich die Nachricht bekam, dass mein Freund tot aufgefunden wurde, wusste ich sofort, dass es wahr ist. Da war kein Zweifel, kein Nicht-Glauben-Können.
Ich hatte unser Gespräch mit den Worten „Versprich mir, dass du auf dich aufpasst!“ beendet an dem Abend. Ich hatte Angst, dass etwas passieren würde. Dass er sich etwas antun könnte. Ich fuhr zu meinem Eltern, er war auch am Weg. Auf seinem letzen Weg.
Den Zielort kannte er, er hatte ihn lange ausgewählt und für passend befunden. Zuvor war er schon mal dort. Wollte anscheinend nochmal prüfen, ob die Stelle seinem Vorhaben entspricht. Von dort aus rief er viele alte Freunde an. Fragte, wie es denn so geht und plauderte.
1 Tag später wurde er rund 100 Meter tiefer im Wasser gefunden.

Nach der Todesnachricht lag es an mir, seine Freunde zu informieren. Ich telefonierte, weinte, telefonierte. Mit seinen Freunden, einigen guten Bekannten, seinem Arbeitgeber.
In unserer gemeinsamen Wohnung fand ich alles so vor, wie ich es nach dem Gespräch zurück gelassen hatte.
Die ersten Worte seiner Eltern an mich waren, dass mich keine Schuld trifft. Dafür bin ich noch heute unsagbar dankbar. Denn somit wurde dieser Gedanke sofort erstickt und hatte gar keine Zeit zu wachsen.
Das Beenden unserer Beziehung war sicher der Auslöser, aber nicht der Grund, warum er nicht mehr wollte. Das nicht mehr wollen ist lange in ihm gewachsen. Hat immer mehr Nährboden bekommen und nun war er soweit.

An diesem Abend kamen wir zusammen. Viele seiner Freunde, die Geschwister. Wir saßen beisammen und redeten. Wir erinnerten, erzählten und waren einfach beisammen.
Dieser Abend tat unglaublich gut.
Ich hatte das Gefühl, dass er in der Fülle dieser Erinnerungen konserviert werden kann. Zumindest ein bisschen.

Doch der Druck des alleinigen Erinnerns blieb.

Er wurde verstärkt, durch viele Fragen. Da ich seine nächste Vertraute war, mit ihm gewohnt und gelebt habe, war ich nun plötzlich sein Fürsprecher. Alle fragten mich, wenn es um Entscheidungen rund um das Begräbnis und dessen Gestaltung ging. Gut gemeint, aber der Druck war immens.
Ich hatte das Gefühl nun plötzlich 2 Personen zu sein. Ich selbst und auch noch er, denn für sich selbst konnte er nicht mehr sprechen.

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Zu diesem Druck kam natürlich noch die Wucht der Gefühle. Manchmal wurde ich aus dem Nichts von einem Weinkrampf überfallen. Ich lernte schnell, diesen Attacken nachzugeben. Mich hinzugeben. Dieses Loslassen fiel doppelt schwer, hatte doch die gesamte Situation mir schon jegliche Kontrolle entrissen.
Ich lernte, dass es nur ein durch den Schmerz gehen gibt, kein vom Schmerz weg. Und das mit jedem „durch“ wieder ein Stück geschafft ist.

Mein jetziger Mann, der Beste, begleitete mich. Er war unglaublich.
Ich bewundere ihn noch heute für seine Ausdauer und seine Fähigkeit mich so zu lassen, wie ich mich gerade fühle. Er ließ mich um einen anderen Mann, den er nie kannte, weinen. Er ließ mich um eine Liebe weinen. Nicht allein. Er begleitete mich und hielt mich.

Einen Tag vor dem ersten Weihnachten nach dem Tod, wollte ich noch auf den Friedhof um auch am Grab ein bisschen Weihnachten zu haben.
Ich wollte mich auf den Weg machen, als der Beste fragte, ob er mitkommen darf. Ich war verwirrt und meinte, dass er das nicht müsse. Er meinte nur:

„Ich möchte aber gern mitgehen, denn dann kann ich ihn auch endlich kennenlernen.“

Heute bin ich geheilt. Ich habe Narben, aber der Schmerz ist weg. Ich erinnere mich gerne, freue mich über Erlebtes und habe Ruhe. Ich weiß, dass ich nicht verstehen muss, nichts verhindern konnte und es zu meinem Leben gehört. Und das ist gut.

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26 Kommentare zu „Ich, du und der Tod: Endgültige Schlussstriche.

  1. Ich sitze hier und habe Gänsehaut und weiß eigentlich gar nicht was ich sagen soll.
    Danke für diesen Beitrag, deine Ehrlichkeit mit diesem Thema. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute und selten habe ich das so ernst gemeint.. Lg

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  2. Ich kann Dich nur immer wieder bewundern, Dir versichern dass ich an Deiner Seite bin, wenn Du mich brauchst und jetzt meine Tränen nach diesem Text abtrocknen gehen…
    Du bist einfach großartig, einzigartig, die beste aller Schwestern auf der Welt und ich danke DIr dafür!

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  3. Bewegende Geschichte und eine wirklich schwere Erfahrung, die Du da machen musstest!! Danke, dass Du uns davon erzählt hast und gleichzeitig gezeigt hast, dass man über schwere Schicksalsschläge hinweg kommen kann- mit der Hilfe der anderen! Viele Grüsse! Claudia

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  4. JA – auch ich hol‘ mir jetzt ein Taschentuch! Du schreibst so wunderbar, kann gar nicht aufhören zu lesen! Ich bin echt betroffen, welche tragischen Situationen du bereits durchstehen musstest!!! Hat dich das so stark werden lassen, ich kenne dich nur so! Große Hochachtung, Chapeau!!! GLG 😢🌻🌞🍀 Dietlinde

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  5. Puh, das ist echt mutig so offen zu schreiben! Und wenn ich darüber nachdenke wieviele Menschen ich in meinem weiteren Umfeld gekannt habe, die auch diesen letzten Schritt gegangen sind. Wie verzweifelt ein mensch in sich sein kann… Ja, und auch mit aller Liebe kann man ihm dieses Gefühl der Verzweifelung oft nicht nehmen. Und auch zu diesem letzten Schritt gehört ein gewisser Mut.

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